Staatsverträge der Hethiter

Ein Projekt der Forschungsstelle 'Hethitische Forschungen' im Rahmen des Projekts Digitale Publikation von Texten der Hethiter (DPTH)





Geschichte des Projekts




Zu den in der Hethiterhauptstadt Ḫattuša gefundenen Archiven gehören zahlreiche ganz oder teilweise erhaltene Staatsverträge. Diese Verträge regeln die rechtlichen Beziehungen zwischen dem hethitischen Großkönig und seinen anatolischen und syrischen Vasallen oder unabhängigen auswärtigen Königen. Der evidente Wert dieser Urkunden als historische Quellen wird noch dadurch vermehrt, daß die Mehrzahl der Vasallenverträge einen historischen Rückblick auf die Beziehungen zwischen Ḫatti und dem Vasallenstaat in einer interpretatio hethitica enthält. Daneben stellen diese Texte wichtige rechtsgeschichtliche und aufgrund der zugehörigen Schwurgötterliste, der Fluch- und Segensformeln auch religionsgeschichtliche Quellen dar. Die Sprache der Urkunden ist Hethitisch oder Akkadisch, und zwar in der Weise, daß die Verträge mit den anatolischen Vasallen (außer Kizzuwatna) in hethitischer Sprache, die mit Kizzuwatna und den syrischen Vasallen in akkadischer und öfter zusätzlich auch in hethitischer Sprache abgefaßt wurden. Ein Vertrag mit Ugarit liegt außer in akkadischer auch in ugaritischer Sprache vor, und für den paritätischen Staatsvertrag zwischen Ḫattušili III. von Ḫatti und Ramses II. von Ägypten ist außer der akkadischen Fassung aus Ḫattusa auch eine hieroglyphisch-ägyptische erhalten.



Zur Forschungsgeschichte


Schon in seinem Aufsatz "Vorläufige Nachrichten über die Ausgrabungen in Boghaz-köi im Sommer 1907" konnte Hugo Winckler die Geschichte des hethitischen Großreichs darstellen, wobei er sich nicht zuletzt auf eine Reihe von Staatverträgen in akkadischer Sprache stützte. Als 1916, wenige Jahre nach Wincklers Tod, die Deutsche Orient-Gesellschaft mit der Edition der Texte aus Boğazköy begann, waren es diese Staatsverträge, die als erste in Autographien von Hugo Heinrich Figulla und Ernst F. Weidner (KBo I 1-8) erschienen.

Die erste vollständige Bearbeitung eines dieser Staatsverträge erfolgte 1920 als Breslauer Dissertation von Eduard Goll unter der Betreuung von Bruno Meißner. In demselben Jahr erschien eine Übersetzung des Ramses-Ḫattušili-Vertrages aus der Feder von Stephen H. Langdon und Alan H. Gardiner.  Ein Jahr später veröffentlichte Daniel D. Luckenbill eine englische Übersetzung von KBo I 1-8. 1923 legte Weidner, der bereits 1917 Übersetzungsproben publiziert hatte, eine umfassende Bearbeitung der Staatsverträge in akkadischer Sprache vor, die nie ersetzt wurde.

Wenig später hatte die Erschließung des Hethitischen so weitgehende Fortschritte gemacht, daß Johannes Friedrich 1926 und 1930 die damals identifizierten großreichszeitlichen Verträge in hethitischer Sprache edieren und übersetzen konnte. Am Ende der "Pionierphase" der Hethitologie lagen damit 16 ganz oder in großen Teilen erhaltene Staatsverträge vor, so daß Victor Korošec 1931 eine erste umfassende juristische Wertung vornehmen konnte, in der er das Standardformular des hethitischen Staatsvertrages beschrieb.

In der Folgezeit sind zahlreiche weitere Staatsverträge bekanntgeworden. Hier sind insbesondere mehrere Staatsverträge aus spätalthethitischer und mittelhethitischer Zeit zwischen Ḫatti und seinem südlichen Nachbarn Kizzuwatna zu nennen sowie Verträge aus den letzten Jahrzehnten der Großreichszeit. Mit in die Betrachtung einbezogen wurden nun auch jene Verträge, die der hethitische König nicht mit individuellen Kontrahenten, sondern mit einer Personengruppe schloß. Dazu gehören u.a. die Ḫapiru-Verträge, die Kaškäer-Verträge, die Verträge mit den Leuten von Išmerikka, Paḫḫuwa und Ura. Die Ausgrabungen in der syrischen Küstenstadt Ugarit, die seit der Zeit Šuppiluliumas I. zu Ḫatti gehörte, brachten weiteres einschlägiges Material, auch in ugaritischer Sprache, zu Tage. Den größten Teil der bis dahin noch unveröffentlichten Zusatzfragmente zu den Staatsverträgen in akkadischer Sprache legte 1984 Hans Martin Kümmel vor. Die letzte Erweiterung des Corpus verdanken wir der überraschenden Entdeckung des auf eine Bronzetafel gepunzten Originals eines Staatsvertrags, der 1986 in einer Deponierung unter dem Pflaster der Stadtumwallung am Yerkapı gefunden und von Heinrich Otten publiziert wurde.

Nur ein Teil des neueren Materials liegt in guten Bearbeitungen vor. Hier sind u.a. zu nennen die Bearbeitungen der Verträge mit Pilliya und Eḫeya von Kizzuwatna, Šauška-muwa von Amurru und Kurunta von Tarḫuntašša von Otten, des Išmerikka-Vertrages von Aharon Kempinski und Silvin Košak und der Niqmepa-Vertrag von Giuseppe F. del Monte. Wichtige neue Erkenntnisse zu den Ḫayaša-Verträgen lieferte Onofrio Carruba. Zahlreiche Einzeluntersuchungen, meist im Rahmen historischer oder rechtsgeschichtlicher Fragestellungen, behandeln auch Staatsverträge. Mehrere eingehende Untersuchungen zu den Staatsverträgen der Hethiter sind in neuerer Zeit von Guy Kestemont, Giuseppe del Monte  und Amnon Altman vorgelegt worden. 1996 publizierte Gary Beckman eine englische Übersetzung zahlreicher Staatsverträge.

 

Das Projekt einer Neuedition aller Staatsverträge der Hethiter, 1. Phase

 

Aus dem Vorgesagten wird deutlich, daß eine umfassende Neuedition der Quellen seit langem ein Desiderat ist. Auf Vorschlag des Althistorikers Hermann Bengtson und unter seiner Federführung nahm die 1951 gegründete Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik (München) eine Sammlung der antiken Staatsverträge in ihr Programm auf. Dabei sollten auch die altorientalischen Staatsverträge berücksichtigt werden, und so lag es nahe, daß Bengtson an Johannes Friedrich herantrat. Friedrich empfahl seinen Schüler Einar von Schuler, der damals Assistent bei Friedrich Schmidtke in Münster war und an seiner Habilitationsschrift arbeitete. Auf Bengtsons briefliche Anfrage vom 4.2.19591 hin sagte von Schuler wenige Tage später zu, verwies aber darauf, daß er zunächst andere Arbeiten abschließen müsse.2

Von Schuler, der sich 1961 in Berlin habilitierte und 1963 nach der Emeritierung Friedrichs auf den Berliner Lehrstuhl für Altorientalistik berufen wurde, hatte bereits mehrere Untersuchungen zu speziellen Formen von Staatsverträgen publiziert. Für das Münchner Projekt stellte er eine Liste der Verträge zusammen, transliterierte und übersetzte einige der bis dahin noch nicht bearbeiteten Verträge und bemühte sich, Mitarbeiter für die Bearbeitung jener Verträge zu finden, für die spezielle Kompetenzen nötig waren.3 So gewann er Dietz Otto Edzard für eine Bearbeitung der Inschrift der sog. "Geier-Stele". Er stieß aber auf manche unvorhergesehene Probleme, über die er Bengtson am 1.1.1964 ausführlich berichtete.4 Bis Ende der 60er Jahre liegen in den Akten von Schulers Briefe zu dem Vorhaben vor, danach ist der Plan anscheinend nicht weiter verfolgt worden. 1974 folgte von Schuler einem Ruf an die Universität Würzburg, wo er 1987 krankheitshalber vorzeitig in den Ruhestand versetzt wurde. Nach einer Herztransplantation starb er am 14.2.1990.

 

Das Projekt einer Neuedition aller Staatsverträge der Hethiter, 2. Phase

 

Als Gernot Wilhelm zum 1.10.1988 zum Nachfolger von Schulers auf den Würzburger Lehrstuhl für Orientalische Philologie (heute: Altorientalistik) berufen wurde, empfand er die Fortführung des Projekts seines Vorgängers und Berliner Lehrers als eine Verpflichtung. Allerdings war von Anfang an klar, daß es dabei nicht um alle altorientalischen Staatsverträge gehen konnte, sondern nur um die des Hethiterreiches. Mit dem Ersten Direktor der Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik, Michael Wörrle, wurde vereinbart, daß der geplante erste Band der "Staatsverträge des Altertums" auf zwei Teilbände aufgeteilt werden sollte, deren zweiter Teilband die altanatolischen Staatsverträge enthalten sollte. Mit Elmar Edel wurde vereinbart, daß seine Materialien zum Ramses-Ḫattušili-Vertrag im Rahmen des Würzburger Projekts digitalisiert und von ihm dann allmählich druckfertig gemacht werden werden sollten. Karl Hecker erklärte sich bereit, die staatsvertraglichen Regelungen aus Kültepe-Texten zur Verfügung zu stellen. Heinrich Otten sicherte die Aufnahme des von ihm bearbeiteten Kurunta-Vertrages zu, Erich Neu war bereit, Transliteration und Übersetzung der von ihm geplanten Bearbeitung der Kaškäer-Verträge beizusteuern.

Ein Antrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für ein auf vier Jahre geplantes Projekt wurde bewilligt. Als Mitarbeiter war ein Schüler von Schulers, Ali Naci Asan, vorgesehen, der allerdings noch vor Beginn des Projekts die Entscheidung fällte, die Hethitologie zu verlassen. Statt seiner konnte eine Schülerin von Annelies Kammenhuber, Albertine Hagenbuchner, für die Mitarbeit gewonnen werden, die dann für die gesamte Laufzeit des vierjährigen Projekts (1.9.1990-31.8.1994) mit großem Engagement tätig war.

Das Arbeitsprogramm sah vor, die vorliegenden Bearbeitungen der Staatsverträge an den Autographien zu kontrollieren und um Zusatzstücke und Duplikate nach neueren Veröffentlichungen sowie um die von Otten zur Verfügung gestellten, noch unveröffentlichten Fragmente zu ergänzen. Die auf diese Weise gewonnenen Transliterationen sollten in zeilensynoptischer Form ("Partiturumschrift") digitalisiert werden, damit frühzeitig ein Rückgriff auf den gesamten Wortschatz und die Phraseologie des Corpus möglich war und weitere Verbesserungen jederzeit bis zur Erstellung des Endmanuskripts bequem eingearbeitet werden konnten. Gleichzeitig sollte die einschlägige Sekundärliteratur bibliographiert werden. Natürlich sollte den Verträgen eine Übersetzung beigegeben werden, jedoch sollte in Hinsicht auf den geplanten Publikationsort auf sprachliche und inhaltliche Kommentare, die über eine Einleitung zu den einzelnen Texten hinausgingen, verzichtet werden. Weiterhin sollten die Erwähnungen von Staatsverträgen zusammengestellt werden, die sich teilweise auch mit kürzeren oder längeren Zitaten in den historischen Rückblicken der Staatsverträge selbst oder in anderen Texten mit historischem Bezug, insbesondere den Annalen und Briefen, finden. Selbstverständlich waren eine Bibliographie, ein Abkürzungsverzeichnis, ein Register der Vertragsgegenstände sowie Indizes geplant. Alle diese Zielsetzungen wurden bis zum Abschluß des Projekts verwirklicht.

Für die Erarbeitung der endgültigen Textgestalt sollten soweit wie möglich und nötig auch Kollationen an Photos bzw. Originalen vorgenommen werden. Diese Aufgabe übernahm Gernot Wilhelm, der sich zu diesem Zweck mit der freundlichen Genehmigung Heinrich Ottens häufig in der Arbeitsstelle "Hethitische Forschungen" der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, aufhielt. Anfang August 1994 konnte Wilhelm in London den inzwischen in den Besitz des British Museum übergegangenen "Aleppo-Vertrag" kollationieren, und vom 15.-27.8.1994 konnte auch der seit langem geplante Kollationsaufenthalt in der Istanbuler Tafelsammlung stattfinden.

Die noch ausstehenden Arbeiten - Einarbeitung der Kollationsergebnisse, gründliche abschließende Kontrolle und Druckfertigmachung des äußerst umfangreichen Manuskripts - vermochte der Projektleiter allerdings wegen neu übernommener, sehr zeitaufwendiger anderer Aufgaben nicht zum Abschluß zu bringen. Allerdings gelang es, das schwierige Manuskript der von Elmar Edel erarbeiteten und in Würzburg redaktionell bis zur Herstellung des Layouts betreuten Edition des Ramses-Ḫattušili-Vertrages nach zahlreichen Korrekturgängen unmittelbar vor dem Tod Edels 1996 in Druck zu geben.

 

Das Projekt einer Neuedition aller Staatsverträge der Hethiter, 3. Phase

 

Eine Wiederaufnahme der Arbeit an der Neuedition der Staatasverträge wurde durch ein Ende 1999 verabschiedetes neues Förderprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft angeregt, mit dem der Aufbau von "Informations-Infrastrukturen für netzbasierte Forschungskooperation und digitale Publikation" gefördert werden sollte. Ein entsprechender Antrag, den Gernot Wilhelm stellte, führte am 20.02.2001 zu einer ersten Zweijahresbewilligung, der am 02.06.2003 eine weitere Bewilligung folgte.

In Hinsicht auf die Präsentation der Texte im Internet wurde folgendes Anforderungsprofil formuliert:

 

1.    Jeder in mehreren Exemplaren bezeugte Text des Corpus soll sowohl zeilensynoptisch als auch im Textzusammenhang des master text und der einzelnen Exemplare einsehbar sein.

2.    Eine Übersetzung - möglichst wahlweise in mehreren Sprachen, zumindest Deutsch und Englisch - soll parallel zu der jeweils herangezogenen Textstelle einsehbar sein.

3.    Soweit Autographien und/oder Photos verfügbar sind, sollen sie von der Transkription ausgehend einsehbar sein.

4.    Obwohl das vorliegende Projekt keinen sprachlichen oder sachlichen Kommentar (abgesehen von einer den Einzeltexten beigegebenen historischen Einleitung und inhaltlichen Gliederung) umfaßt, soll prinzipiell der Zugriff von einer kommentierten Textstelle zum Kommentartext möglich sein.

5.    Die Texte sollen in Glossare (Wörter, Personen-, Götter-, Ortsnamen) eingehen, die jedes Wort im Satzzusammenhang bieten. Der Weg vom einzelnen Wort eines beliebigen Textes zu den im Glossar erschlossenen sonstigen Belegstellen soll ebenso möglich sein wie der Weg vom Glossar zur Gesamtdarstellung des Textes, in dem ein bestimmtes Wort vorkommt.

6.    Zu einzelnen Lautwerten (insbesondere den selten vorkommenden) sollen bequem und schnell alle sonstigen Belege gefunden werden.

7.    Die Bibliographie soll als ganze einsehbar, aber auch in ihren für den einzelnen Text relevanten Einträgen dem letzteren zugeordnet sein.

8.    Vom Einzeltext ausgehend soll ein Stellenindex die Bibliographie erschließen.

9.    Die Texte und ihre Übersetzung sollen jederzeit korrigiert und ergänzt werden können, wobei das Glossar automatisch ebenfalls korrigiert und ergänzt werden soll.

10.  Eine für die Nutzer ausdruckbare Fassung von Einleitung, Transkription, Übersetzung (gegebenenfalls Kommentar), Konkordanzen und Glossar in der Art einer herkömmlichen Buchedition, die bei erheblichen Fortschritten weitere "Auflagen" erfahren kann, soll verfügbar sein.

11.  Miszellen und Aufsätze von Mitgliedern der weltweiten, einschlägig arbeitenden Forschergemeinschaft sollten nach Art einer spezialisierten Zeitschrift online verfügbar gemacht werden und in Bibliographie, Stellenverzeichnis und Glossar eingehen. Gegenüber den herkömmlichen Diskussionsforen soll damit die Forschungskommunikation beschleunigt und rationalisiert werden. 

 

Gernot Wilhelm (Gesamtleitung)   
gernot.wilhelm@mail.uni-wuerzburg.de

Gerfrid G.W. Müller  (Projektleitung Informationsinfrastruktur)
gerfrid.mueller@mail.uni-wuerzburg.de