Susanne Görke (Hrsg.)

Citatio: Susanne Görke (Hrsg.), hethiter.net/: CTH 771.1 (INTR 2026-03-16)


CTH 771.1

Ein Festritual der Leute aus Lallupiya

introductio



Kurzbeschreibung

In dem Text werden zwei Tage des Festrituals der Leute aus Lallupiya unter Beteiligung des Königspaares beschrieben.

Texte

Exemplar AA₁KBo 29.2041634/cBk. A
+ A₂+ KUB 32.123+ 234/bBk. A
+ A₃+ KBo 29.206+ 666/cBk. A
+ A₄+ KBo 71.3+ 2589/cBk. A
(+) A₅(+) KBo 46.257(+) 30/rBk. A *
Exemplar BKUB 55.65Bo 2447Ḫattuša
Exemplar CC₁KBo 8.107114/mBk. G
+ C₂+ KBo 8.101+ 169/mBk. G
Exemplar DKBo 39.183197/bBk. A
Exemplar EKBo 45.2642008/fHaH
Exemplar FKBo 34.24695/aBk. A

Editionsgeschichte

Transliterationen von Text A legte Starke F. 1985a vor, allerdings waren sie zu dem Zeitpunkt noch nicht gejoint. So findet sich die Transliteration von Text A₁ auf den Seiten 316f. und von A₂+A₃ auf den Seiten 304-306. Die Texte A₄ und A₅ wurden bislang nicht in Transliteration vorgelegt.

Eine Transliteration von Text B findet sich ebenfalls bei Starke F. 1985a: 306, 312-315 sowie bei Groddek D. 2002c: 119-124.

Text D wurde von Groddek D. 2004f: 234 in Transliteration vorgelegt.

Text E wurde von Roszkowska-Mutschler H. 2005a: 322 in Transliteration vorgelegt.

Der Text wird hier erstmals in einer Gesamttransliteration mit Übersetzung präsentiert.

Tafeleigenschaften

Die sechs Textvertreter sind unterschiedlich gut erhalten.

Text A ist eine zweikolumnige Tafel, von der sich 62 teils fragmentarische Zeilen der Vs. I, 57 teils fragmentarische Zeilen der Vs. II, 67 teils fragmentarische Zeilen der Rs. III sowie 58 teils sehr fragmentarische Zeilen der Rs. IV erhalten haben. Wenngleich der Beginn des Textes nicht überliefert ist, dürften nicht mehr als fünf Zeilen vor Einsetzen des erhaltenen Textes fehlen. Da doch einige Lücken vorhanden sind, dürften sich insgesamt in etwa zwei Drittel des Textes erhalten haben.

Text B ist ebenfalls eine zweikolumnige Tafel, deren Vorderseite allerdings in weiten Teilen zerstört ist. So lassen sich auf der Vs. I nur 16 Zeilen zum Teil lesen, auf der Vs. II sind es nur 14 Zeilenanfänge, die Rs. III liefert 50 und die Rs. IV 55 weitgehend erhaltene Zeilen. Bis auf 22 teils sehr fragmentarische Zeilen dupliziert B Text A.

Von Text C haben sich 17 Zeilenenden der Vorderseite sowie 27 Zeilen der Rückseite erhalten, die Zeilen von Text A duplizieren.

Text D weist 17 Zeilen auf, die durch die besser erhaltenen Textvertreter vollständig ergänzt werden können.

Text E zeigt 7 Zeilen, die Duplikate zu Text A oder B darstellen.

Auch für Text F lassen sich die 11 fragmentarisch erhaltenen Zeilen durch die Texte A und B ergänzen.

Insgesamt dürften sich damit in etwa zwei Drittel des Textes erhalten haben.

Paläographie und Handschrift

Bei allen Niederschriften handelt es sich um junghethitische Niederschriften. Nach Starke F. 1985a: 301-303 ist die Niederschrift von Text A etwas älter als die von Text B.

Sprachliche Merkmale

Bereits Starke F. 1985a: 303f. verwies auf die Möglichkeit, dass die Texte der Leute aus Lallupiya auf ältere Vorlagen zurückgehen könnten. Dazu verweist er auf sprachliche Merkmale wie den mehrfach bezeugten Gebrauch der enklitischen Possessivpronomina (z.B. katti=šši, ḫante=šši) oder die Form kiššarta.

Intertextualität

Bei den Trinkriten für die Gottheiten Tarwalliya und Winiyanta wird die gleiche Rezitationen auf Hethitisch gesungen (Kola 192-196 für Tarwalliya und Kola 205-209 für Winiyanta); diese findet sich darüber hinaus noch in KUB 35.132+ (CTH 771.2) Kola 123-127, eventuell ebenfalls für Winiyanta, in einem späteren Abschnitt des gleichen Texts sicher für Winiyanta (CTH 771.2 Kola 161-165) sowie in Bo 9242 (CTH 771.15) Kola 13-14, in diesem Fall wohl für den Wettergott.

Besonderheiten

Der Text ist geprägt – und dies ist singulär in hethitischen Ritualbeschreibungen – von zahlreichen Bedingungen, die die Ausführung des Festrituals beeinflussen können. So ist die Zelteinrichtung (Kola 20-26) ebenso wie die Zusammenstellung der Opferlieferungen (Kola 97-119) abhängig von der Anzahl der zu behandelnden Personen. Interessant ist darüber hinaus der Vermerk, dass der Zeitpunkt des Rituals nicht an eine Jahreszeit gekoppelt ist, sondern vom Zeitplan des Königs abhängt (Kola 126-133). Desweiteren ist von Gesängen die Rede, die wohl die Leute aus Lallupiya singen können, wenn sie wollen (Kola 224-228).

Allgemeine Informationen

Der Beginn des Textes ist abgebrochen, und der einsetzende Text beschreibt das Errichten von insgesamt sechs Zelten. Es folgen detaillierte Informationen zu den erforderlichen Ritualvorbereitungen abhängig von der Anzahl der teilnehmenden Personen. Festgesetzt wird auch, in welche Zelte man an welchem Tag geht und was dann mit diesen geschieht. Der Text fährt mit der Beschreibung des Festes am ersten Tag unter Beteiligung von König und Königin fort, allerdings ist dieser Abschnitt nur fragmentarisch überliefert. Verständlich wird der Text nach einer längeren Lücke, nach der die Beschreibung einer Opferlieferung einsetzt. Schlachtungen von Schafen durch den König folgen, bevor die Anzahl der Opferlieferungen der Anzahl der Teilnehmenden angepasst wird. Der folgende Abschnitt bestimmt den Ritualzeitpunkt, der abhängig von der Verfügbarkeit des Königspaares und nicht von der Jahreszeit ist. Es folgen Ritualbeschreibungen des ersten Tages vor Ankunft des Königspaares, darunter die Opferung eines Schafbocks an den Sonnengott des Wettergottes von Ištanuwa, das Aufhäufen von Brot, das Opfern von Innereien und das Libieren von Bier. Später folgen Trinkriten für Tarwalliya, Winiyanta und weitere Götter der Göttergruppe A (vgl. dazu die allgemeine Einführungsseite zu den luwischen Festritualen).

Insgesamt wird klar, dass es sich um ein zweitägiges Ritual gehandelt haben dürfte, bei dem das Königspaar nur am zweiten Tag anwesend war. Zu bemerken bleibt, dass es nicht alleine um die Verehrung der Gottheiten von Ištanuwa geht, sondern offenbar auch um eine Behandlung des Königspaares. Darauf deutet auch der Kolophon von CTH 771.4, der, dem eines Beschwörungsrituals gleich, auf die Behandlung von Bluttat oder Fluch verweist (vgl. dazu auch die allgemeine Einführungsseite zu den luwischen Festritualen).

Inhaltsübersicht

Abschnitt 1ID=1Aufbau und Vorbereitung der Ritualzelte
Abschnitt 2ID=2Verweis auf Tore an den Zelten
Abschnitt 3ID=3Angabe der Zelteinrichtung je nach Ritualherr
Abschnitt 4ID=4Hinweis auf Nutzung der Zelte am ersten und zweiten Ritualtag
Abschnitt 5ID=5Fragmentarisch; vermutlich Ritualhandlungen in Zelten
Abschnitt 6ID=6Fragmentarisch; eventuell Beschreibung eines Ritualschauplatzes
Abschnitt 7ID=7Fragmentarisch; Beschreibung einer Opferlieferung?
Abschnitt 8ID=8Beschreibungen von Opferlieferungen
Abschnitt 9ID=9Opferung von Schafen, u.a. durch den König
Abschnitt 10ID=10Beschreibungen von Opferlieferungen je nach Teilnehmenden und Ritualabschnitten
Abschnitt 11ID=11Bestimmung des Ritualzeitpunktes
Abschnitt 12ID=12Ritualbeginn: Vorbereitung der Zelte am ersten Ritualtag vor Ankunft des Königspaares
Abschnitt 13ID=13Opferungen an den Sonnengott des Wettergottes von Ištanuwa
Abschnitt 14ID=14Anhäufung von Soldatenbroten
Abschnitt 15ID=15Zerteilung des Schafes, Kochen der Leber
Abschnitt 16ID=16Der Vorgesetzte der Leute aus Lallupiya opfert dem Sonnengott des Wettergottes von Ištanuwa Innereien auf Soldatenbrot
Abschnitt 17ID=17Der Vorgesetzte der Leute aus Lallupiya opfert Bier
Abschnitt 18ID=18Opferung der Innereien und des Fleisches des Schafes an der Kultstele
Abschnitt 19ID=19Opferung von Bier oder einem anderen Getränk an den Sonnengott des Wettergottes von Ištanuwa; Kultmahl
Abschnitt 20ID=20Fragmentarisch erhaltene Trinkriten
Abschnitt 21ID=21Opferung von Bier für die Gottheit Tarwalliya unter Schlagen des ḫuḫupal-Instruments; hethitische Rezitation
Abschnitt 22ID=22Trinkriten für die Gottheit Winiyanta mit hethitischer Rezitation
Abschnitt 23ID=23Trinkriten für das Innengemach, das Haus des Hirschgottes, Šuwaššuna, Iarri, Šiuri, Iyaššalašši, Wandu, Wištašši und den Sonnengott des Torbaus
Abschnitt 24ID=24Verweis auf die Lieder des Wettergottes, die nach eigenem Ermessen gesungen werden können
Abschnitt 25ID=25Hinweis auf ein Kultmahl mit anschließender Nachtruhe; Aufräumen der Fleischstücke
Abschnitt 26ID=26Beginn des zweiten Ritualtages mit Opferungen vor Sonnenaufgang
Abschnitt 27ID=28Unleserliche Beschriftung des linken Randes
Editio ultima: 2026-03-16